Der Retrogott zur Verwendung des N-Worts

ENTBS haben heute morgen auf ihrer Facebookseite ein Statement des Retrogotts veröffentlicht, in dem er Stellung zur Verwendung des N-Wortes im deutschen Hip-Hop bezieht.

Mit freundlicher Genehmigung von ENTBS möchte ich den genauen Wortlaut auch hier im Blog veröffentlichen.

Zum einen, weil ich das genau so sehe. Zum anderen, damit es möglichst viele Menschen lesen (und mal drüber nachdenken). Last but not least aber auch aus Respekt vor einem Tüp, der noch vor ein paar Jahren selbst unbedacht Wörter rausgehauen hat, die er nicht mehr zurück nehmen kann. Und der, wenn er heute drauf angesprochen wird, sich nicht rausredet, sondern klar Stellung bezieht. So viel Größe muss man erstmal haben.

Aber genug des Vorworts. Anbei besagtes Statement:

„Now we got white kids callin’ themselves n_____“ (KRS One)

Im Jahre 2017 muss ich Menschen in meinem Alltag immer noch nahe bringen, wie unangebracht die Verwendung des N-Worts ist, besonders aus dem Mund von sich weiß dünkenden Menschen.

Meistens, leider nicht immer, sind es ältere Menschen, die zu ihrer Verteidigung auf den Sprachgebrauch einer anderen Zeit, in der sie aufgewachsen seien, hinweisen. Egal welchen Alters, beteuern diese Leute jedenfalls auch fast alle, das Wort nicht rassistisch zu meinen.

Da ich hier ein Statement zu einem gesellschaftlichen Thema abgeben möchte und keine sprachphilosophische Abhandlung schreibe, erspare ich mir einen Exkurs darüber, was es alles heißen kann, „etwas zu meinen“ und weise an dieser Stelle darauf hin, dass dieses Wort von Rassisten zu rassistischen Zwecken in die Welt gesetzt wurde. Dieser Kontext ist nicht vom Himmel gefallen, sondern tief im europäischen und amerikanischen Imperialismus verwurzelt. Er ist ein vom kollektiven Gedächtnis gern ausgeklammerter und dennoch fester Bestandteil der Entstehungsgeschichte unserer sogenannten westlichen Zivilisation, deren Aufstieg im Zuge von Kolonialismus und Sklaverei, also ungeheuerlichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, stattfand. Genauso wie dieser Kontext nicht vom Himmel fiel, ist er auch nicht per Knopfdruck oder Generationswechsel zu verabschieden.

Gelegentlich habe ich in diesen Debatten den Refrain von Toni L’s „Dummerweise“ zitiert („Dummerweise glaubt dieser Weiße, er sei weise“). Nicht nur, weil Toni L hier auf sehr kluge Art pointiert, worüber ich nun viele Worte verliere, sondern um meine Distanzierung von rassistischem Chauvinismus (und sei er „nur sprachlich“) auch im Namen von Hiphop zu vollziehen. Dass ich diese Diskussion 2017 mit Menschen, denen ich keine „rechte Gesinnung“ unterstelle, immer noch führe, befremdet mich, es macht mich stutzig, empört mich. Dass ich diese Diskussion aber mit Menschen führe, die oberflächlich betrachtet dieselbe Hiphop-Kultur lieben und praktizieren, zu deren Entstehung Ende der siebziger Jahre der politische, physische und kulturelle Überlebens- und Emanzipationskampf von Afro-AmerikanerInnen vorangegangener und folgender Generationen in nicht geringen Teilen beigetragen hat, das macht mich wütend und traurig. Es enttäuscht mich.

Ich bin der Überzeugung, dass Hiphop in Deutschland seit langem immer mehr die Bodenhaftung verliert, was Kenntnis, Bewusstsein und Respekt vor dem kulturellen Erbe angeht, das er antritt, auch wenn er sich nun „Deutschrap“ schimpft.

Ich glaube, wenige denken an Rosa Parks, Malcolm X, Angela Davis, Martin Luther King, die Black Panthers, James Brown, Gil Scott Heron, Rodney King oder wenigstens an Public Enemy, wenn sie an Hiphop denken. Egal, wie sehr wir in einem chauvinistischen Anflug von Ignoranz Hiphop und Rap entfremden und einer Weißwäsche unterziehen, wie es bereits mit Blues, Jazz, Rock n’ Roll und Reggae geschah, das Objekt dieser Aneignungen ist den Kämpfen und Schicksalen Anderer geschuldet, denen den Respekt zu verweigern nicht weniger bedeutet, als die eigene Integrität zu verlieren. Ohne diese politische Ebene gibt es auch keinen von weißen Kids als cool empfundenen „Gangsterrap“ a la NWA, eine mitunter durchaus auch politische Gruppe.

Nachdem Sylabil Spill nun den Rapper DCVDNS in Bezugnahme auf sein Lied „Der erste tighte Wei$$e“ zu erneutem Bedenken seines Gebrauchs des N-Worts ermahnte, ließ die Empörung einiger selbsternannter Verteidiger der freien Kunst und der Redefreiheit nicht auf sich warten. Beim Überfliegen von Kommentaren in sozialen Netzwerken stieß ich dann leider auch auf eine gewisse Korrelation zwischen dem Unverständnis und mangelnder Sensibilität einerseits, und dem Fan-Vorwurf, dass Sylabil Spill lieber bei Retrogott und ENTBS hätte bleiben sollen, was wohl als negativer Kommentar zum Erscheinen seines Albums auf einem anderen Label zu verstehen ist.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle klar Stellung beziehen. Ich bin hier ganz auf der Seite von Sylabil Spill. Auch ich bin der Überzeugung, dass Weiße per se das N-Wort nicht gebrauchen sollten, weder aus Überzeugung, noch unter dem Deckmantel der Ironie oder als Zitat oder als phonetische Übung. Das heißt nicht, dass ich Menschen den Mund verbieten will. Wir führen hier eine moralische Debatte und auf diesem Feld können wir nur darüber reden, was wir sollten oder unterlassen sollten. Da der Bereich dessen, was wir sollen, aber nicht müssen, einen unvorstellbar großen Teil der menschlichen Existenz umfasst, sind diese Diskussionen wichtig, in ihrem Resultat aber nie zwingend, sie haben keine normative Kraft. Wenn auch weder ich noch Sylabil Spill oder irgend jemand anders andere Menschen zur Übernahme der oben angedeuteten Überzeugungen zwingen können, so kann man ja dennoch eine Debatte führen, Denkanstöße geben und miteinander reden.

Darüber hinaus möchte ich der Debatte noch etwas hinzufügen: alle reden über DCVDNS’ Lied und Video, als ginge es nur und ausschließlich um das Zitieren des N-Worts bei der Nennung von Taktlo$$ und dessen eigens gewählten AKAs. Mir wird jedoch auch im weiteren Verlauf des Lieds äußerst unwohl und zwar gleichermaßen auf akustischer wie auch auf visueller Ebene.

Der frustrierte, von Minderwertigkeitskomplexen geplagte und sich einer nicht weißen Mehrheit gegenüber unterlegen fühlende Rapper kommt zu einem Plattenvertrag bei einem Major Label. Zu seinem großen Triumph posiert eine nicht weiße Frau lasziv im Video und wird zu einem exotisierten Schmuckstück degradiert, auf gleicher Ebene wie ein teurer Sportflitzer, der dann aber doch bitte wieder weiß sein muss.

Textlich findet dieser Triumph unter anderem seine Entsprechung in den „Groupies[…], die sich vor ’nem Jahr noch auf die schwarzen Männer stürzten“. Am Ende drückt sich die Erhabenheit des in den durch materialistische Klischees definierten Rapper-Olymp emporgestiegenen neuen alten Vanilla Ice dadurch aus, dass er ebendiesen Sportflitzer in Spielzeugformat zertritt. Das Tag, das DCVDNS auf die Luxuskarosse sprüht, es sich damit also in alter Graffiti-Manier Hiphop-mäßig aneignet und zugleich im herkömmlichen, ökonomischen und kapitalistischen Sinne entwertet, dieses Tag, das in der Welt da draußen eine Befleckung, also einen Makel darstellt, ist wiederum schwarz. Immerhin wird die nicht weiße Frau am Ende des Videos nicht zertreten. Auf symbolischer Ebene ist ja auch schon genug kaputt gemacht worden. Damage is done.

Natürlich mag das alles nur Provokation oder Kunst oder beides sein. Ich selbst habe zu einer Zeit, in der die jetzige Diskussion bereits lange überfällig gewesen wäre, extrem viel unüberlegten Schrott in die Welt gesetzt. Über die letzten Jahre habe ich versucht und tue dies auch immer noch, hierzu eine kritische Haltung nicht nur plakativ und oberflächlich einzunehmen, sondern nachvollziehbar zu machen. Gerade als jemand, der homophobe und misogyne Aussagen unkommentiert in Umlauf gebracht hat und dafür zu Recht in Kritik geraten ist, ist es mir wichtig zu zeigen, dass Hiphop zu machen heißt, einen niemals endenden Lernprozess zu durchlaufen.

Der Song und das Video spiegeln eine Selbstüberschätzung von Rap Made In Germany wider, die ich auch in diversen anderen Performances, Veröffentlichungen, Party-Reihen, Diskussionen und Dokumentationen (seien sie ernstgemeinte Dokumentarfilme oder sogenannte Mockumentaries) beobachtet habe.

Gemeinsam mit Sonne Ra habe ich vor etwa einem Jahr einen Song darüber gemacht. Im Zuge der aktuellen Diskussion haben wir beschlossen den Song bereits vor Erscheinen unseres gemeinsamen Albums öffentlich zu machen. Ich hoffe sehr, dass aus diesem Text hinreichend ergeht, dass dies keine Promotion-Initiative ist, sondern ein ernstgemeinter Beitrag zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema.

Kurt Tallert aka Retrogott 26.06.2017

Retrogott und Sonne Ra – Stoitsrap

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