Ich kann mich nicht beklagen. Als am 27.05.1983 die Seelen ihren Körpern zugeteilt wurden, hab ich ziemliches Glück gehabt. Ich hab zwei ziemlich gute Eltern erwischt. Eine Mutti mit der ich in 90% aller Fälle (grobe Schätzung) wunderbar auskomme. Ein Vadder der in vielen Momenten mehr Kumpel als Autoritätsperson ist. Sowohl finanziell als auch familiär und gesellschaftlich gesehen bin ich wohlbehütet aufgewachsen, hatte es immer schön weich und warm in meinem Nest. Diese Zeit geht langsam zu Ende, ich muss flügge werden wie es so schön heisst, und raus in die Welt, auf eigenen Beinen stehen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich wollte es - bevor ich zum eigentlichen Punkt komme - nur kurz erwähnen, damit hinterher niemand sagt meine Theorie wäre auf den Großteil der Menschheit nicht anwendbar, weil es ihnen wesentlich schlechter geht als mir, und ich es mir zu einfach machen und mein Glück nicht zu würdigen wissen würde. Dem ist nicht so. Da das jetzt geklärt wär, kommen wir zur Sache.
Ich hab heute wieder mal einen der entspannteren Tage eingeläutet, indem ich nach einem kleinen Frühstück (zweimal Graubrot mit Spiegelei, ne Tasse Multivitaminsaft, ein paar Kippchen) und dem alltäglichen “Was-Gibts-Neues-Check” (eMails und Newsfeeds abrufen, diverse Foren ansurfen) bei morgendlicher Gelassenheit den Entschluss gefasst habe, ein bisschen durch die Hood zu cruisen. Frisch geduscht und gedresst steige ich also ins Auto, und da mich schon wieder der Hunger plagt - immerhin liegt das Frühstück schon drei Stunden zurück - soll mein erster Anlaufpunkt die Tankstelle um die Ecke sein. Meine Blutbahn lächzt nach Koffein, also wird der obligatorische Red Bull eingepackt. Mein Magen fühlt sich allerdings nicht nach Schinken-Käse-Croissants und Schokobrötchen, der hätte lieber was deftiges. Also auf nach McDreck, nur des Flairs wegen, nicht weil’s da so gut schmecken würde. Gegessen wird im Auto, die Musik die aus den Boxen der Tageslicht-Verehrer-Läden dudelt, verursacht bei mir immer Kopfschmerzen. Außerdem lasse ich mich nicht gerne beim Essen beobachten. Also ab auf den Parkplatz. Nicht den unter dem großen M, sondern der nebenan, vom Baumarkt, mit Blick auf die Tankstelle, der lacht mich irgendwie so an.
Im Autoradio läuft Matt Costa, der Regen prasselt auf die Scheiben. Draußen herrscht ein reges Treiben, die “working class” macht ihre Erledigungen: Hausfrauen die einkaufen, Geschäftsleute die ihren dicken Audi volltanken, Kastenwägen mit Overall tragenden Bauarbeitern drin. Alles zappelt, zuckt, flitzt hin und her; es geht zu wie im Ameisenhaufen. Drinnen in meiner Karre fühle ich mich der Kolonie nicht zugehörig. Eher wie ein Biologe, der das Treiben beobachtet und sich seine Gedanken dazu macht. Brainstorm-Zeit. Mal hier ein Gedanke, mal da einer. Manche fügen sich zufällig aneinander, werden von meinem Hirn zu einem Sinn kombiniert:
Wie hektisch diese Welt doch ist. Wie gestresst die Leute alle sind. Wie viele Dinge ihnen im Kopf rumschwirren, an was sie alles denken müssen. Was sie heute alles noch erledigt bekommen müssen, wie sie ihren Tag möglichst effizient gestalten können um auch ja alles zu schaffen. Wie schade es doch ist, dass sich die meisten so wenig Zeit für sich selbst nehmen. Zeit für Unproduktivität, Zeit die man dem Nichtstun widmet. Einfach mal ins Auto setzen, mitten in den Regen, auf irgendeinen Parkplatz, und bei nem Kippchen und guter Musik die Seele baumeln lassen. Nicht Sonntags, wenn das alle tun. Nein, mitten in der Woche, zur Vor-Mittagspausen-Zeit, wenn alles in heller Aufregung ist. Mein Brain konstruiert eine Filmszene:
- SCHNITT - KAMERA - ACTION!
Ein junger Typ, ungefähr mein Alter, parkt seinen schwarzen Audi neben mir. Er trägt nen schwarzen Nadelstreifenanzug, hat auf dem Beifahrersitz die Aktentasche und den Laptop liegen. Am Armaturenbrett hängen Navigationssystem und PDA. Er packt seine Mces-Tüte aus, schlingt BicMäc und Pommes runter als ob er auf der Flucht wär.
Er guckt mit großen Augen zu mir rüber, macht auf mich den Eindruck als würde er nicht ganz verstehen warum ich in meinem Sitz liege als wärs ne Hängematte, und auf diesem siffigen Parkplatz abhänge als würde ich auf Maui am Strand sitzen.
Er “kurbelt” das Fenster runter (geht ja heute alles mit Knöpfen, von Hand kurbeln ist tierisch Web 1.0). Ich tu’s ihm gleich, kurbel allerdings von Hand. Er beugt sich zu mir rüber:
“Was machen sie denn hier?”
“Du kannst mich ruhig duzen. Ich glaub so weit sind wir altersmäßig nicht auseinander.”
“OK. Was machst DU denn hier?”
“Jarnüx.”
“Jarnüx? Wie Jarnüx?”
“Na gar nix eben. Ich sitz hier nur und rauch mir eine. Chillen. Leute angucken. Nachdenken.”
“Musst du nicht arbeiten?”
“Nö, morgen und übermorgen wieder.”
“Verstehe. Und was haste heut noch so geplant?”
“Nix. Mal gucken was der Tag so bringt.”
“Du machst ziemlich gerne garnix, kann das sein?”
“Rrrrrischtiiiisch. Solltest du auch mal probieren. Einfach mal unproduktiv sein. Ist tierisch entspannend.”
* Sein Handy klingelt. Er quatscht irgendwas hinein, packt sein Essen weg, und düst los. *
- SCHNITT -
Eine von den ganz fleißigen Ameisen. Immer um das Wohl der Königin bedacht. Eine die x Jahre hart und zielgerichtet arbeitet, alles dem Volk unterordnet, und kurz vor dem Tod merkt, dass all die Dinge, die sie sich von ihrem hart erarbeiteten Geld kaufen kann, sie nicht glücklich machen. Dann blickt sie zurück auf ihr Leben, würde, wenn sie könnte, alles anders machen. Vielleicht erinnert sie sich an den Kerl der im prasselnden Regen auf dem Parkplatz stand, und seine Zeit einfach verschwendet hat. Was der wohl jetzt macht? Wahrscheinlich sitzt er grade in seinem Schaukelstuhl auf der Veranda, guckt sich den Ameisenhaufen an, und findet es traurig dass so wenige von ihnen sich Zeit fürs Nichtstun nehmen.
Sie haben so viele Probleme. Brauchen technische Hilfsmittel - Kalender, Wecker, Uhren, Terminplaner, Organzier, PDAs, Handys, Laptops - und gehen kaputt an dem Druck. Dann rennen sie zum Psychiater, konsultieren einen Eheberater, lesen Selbsthilfebücher. Dabei könnten sie die meisten ihrer Probleme mit sich selbst ausmachen. Sie müssten sich nur mal die Zeit nehmen, auf ihr Herz zu hören, in sich zu gehen. Sich sagen “ich mach doch für’n hohlen Zahn hier nicht den Hengst in der Ponybahn”, mit sich selbst ins Reine kommen und die paar Jahre, die sie hier sein dürfen genießen.
Wunschdenken.